Auf ein Wort

Alles hat seine Zeit

Wir feiern Erntedank in besonderen Zeiten. Im dritten Jahr in Folge gab es zu wenig Regen, aber doch immerhin mehr als in den vergangenen beiden Jahren. Erntehelfer konnten zunächst wegen der Corona-Ein- schränkungen nicht ins Land kommen, es gab Verzögerungen bei der Spargelernte und auch Verluste für die Bauern. Erntedank 2020. Gottesdienste in aller Kürze, mit Maske und Abstand. Die Erntegaben in den Kirchen sollen nur mit Handschuhen berührt und weitergereicht werden an die Einrichtungen, die sie dann verarbeiten.

Es war und ist ein besonderes Jahr - bei vie- len machen sich Unmut und Unverständnis breit für die Maßnahmen unserer Regierung, die doch dem Schutz aller dienen sollen. Erntedank 2020. Ich lade Sie ein, sich Zeit zu nehmen für ein persönliches "Erntedank". Denken Sie doch einmal zurück und überlegen: Was ist Ihnen gelungen in diesem Jahr? Was konnten Sie Positives aus den Wochen neh- men, in denen viele weitestgehend zu Hause bleiben sollten und mussten? In denen man sich nicht oder nur selten besuchen konnte? Was haben Sie vermisst, was ging verloren? Wie verliefen die Sommerwochen für Sie? Welche Begegnungen oder Erlebnisse blei- ben Ihnen gern in Erinnerungen? Und schließlich: wir feiern 30 Jahre Deutsche Einheit. Denken Sie einmal zurück an die Zeit davor, an die (beiden) Diktaturen - jetzt, wo so oft von "Diktatur" die Rede ist in unserem Land - und vergleichen selbst damals und heute.

Erntedank. Zeit, alles vor Gott hinzuhalten, ihm zu danken, auch wenn nicht alles gut lief oder läuft. Zeit, den Blick nach vorn zu richten, z.B. auf die Feste und Tage, die nun kommen und in denen wir wieder Grund zum Danken finden werden: das Reformati- onsfest. Luther hat uns den Blick geschärft für den barmherzigen Gott.

Allerheiligen, Totensonntag: unsere Tage sind begrenzt! Unser Leben auf Erden ist endlich und genau deshalb so wertvoll! 9. November, Volkstrauertag, Buß- und Bet- tag: da geht es um Schuld und Versöhnung - persönlich sowie für unsere Nation. Es geht um die vergangene Unfähigkeit, friedlich mit- zuspielen im Kreis der Menschen, die zu mir gehören oder auch im Großen im Konzert der Völker, und zugleich um die Vergewisse- rung, es in Zukunft besser zu machen. Martinstag mit der Frage, was wir teilen kön- nen miteinander. Und dem dankbaren Blick darauf, dass wir viel zum Teilen haben: Zeit, Geld, Mitgefühl, Leben.

Ich möchte Sie anregen, sich die Zeit zu nehmen, Erntedank zu feiern und Gott für die Gaben dieses Jahres zu danken. Im Herbst können wir die sonnigen Tage genießen, uns am Reformationstag über unseren gnädigen Gott freuen und im November die Tage der Trauer und der Erinnerung bewusst begehen. "Alles hat seine Zeit", schreibt der Prediger im Alten Testament. Und diese Zeit lasst uns auskosten - gern gemeinsam.

Ihre Pfarrerin Christina Lang