Auf ein Wort

"Wo ist der springende Punkt?"

Wir alle kennen diese Redewendung und verstehen darunter den Hinweis auf die entscheidende Stelle in einem Vorgang oder an einer Erscheinung in unserer Welt. Das Wortspiel stammt aus der Antike von dem Philosophen Aristoteles. Er lebte im 4. Jahrhundert vor Christus in Griechenland, war 20 Jahre lang Schüler von Platon und erforschte hauptsächlich die Naturphänomene. Dabei untersuchte er auch Vogeleier und stellte fest, dass sich das Herz eines künftigen Kükens als kleiner roter Punkt in der weißen Eiweißschicht außerhalb des gelben Dotters bildet. Dieser rote Punkt beginnt schon in einem sehr frühen Stadium der Embryonal-Entwicklung zu springen. Es ist ein Zeichen des beginnenden Lebens. Das Herz ist also der "springende Punkt" für die Geburt eines neuen Geschöpfes, für den Durchbruch aus der Eierschale ins eigentliche Leben.

Wo ist der "springende Punkt" in unserer persönlichen irdischen Entwicklung? Wir sind in dieser Welt noch eingeschlossen von der harten Schale unserer Irrtümer, unserer inneren Friedlosigkeit und einem begrenzten Blick in die Herzen unserer Mitmenschen. Alle drei Eigenschaften sind letztlich die Ursache für die schrecklichen Kriege auf der Erde, gerade jetzt in der Ukraine. Wir durchwandern dieses Leben mit einer Blindheit, wie das Küken in der Schale und meinen mit einem schlagenden Herzen schon fertig entwickelt zu sein. Wir richten uns ein in der runden Welt unter der Eierschale und machen es uns gemütlich im begrenzten Horizont dieser Sichthülle. Manchmal hören wir Stimmen von außerhalb und ahnen, es muss noch mehr geben, als unsere interne Eierwelt. Ein Teil der Menschen lehnt diese Stimmen als "Opium des Volkes" ab und ein anderer Teil ahnt, dass diese Stimmen vielleicht von unserem "Vater" oder unserer "Mutter" kommen könnten. Erst wenn wir mit großen Schmerzen und mit viel Angst die Eierschale unserer Existenz durchbrechen müssen, wenn wir scheinbar mit dem Tod ringen nach 70 oder 80 Lebensjahren, fühlen wir einen gewaltigen Befreiungsschlag. Der Durchbruch, der Schmerz des Todes ist ein Aufbruch in unser eigentliches Dasein. In eine große Leichtigkeit und Klarheit. Wir erkennen dann sofort unseren himmlischen Schöpfer, der weder nur Mann noch Frau ist, weil das Licht der Ewigkeit wie selbstverständlich um uns leuchtet. Jesus Christus war in seinem irdischen Leben extrem dünnhäutig. Er konnte klar unseren Schöpfer im Himmel hören und fühlen. Sein Herz schlug schon zu Lebzeiten ganz für das Reich Gottes, unser zu Hause da draußen, hinter der Eierschale der Zeit. Er hatte den "springenden Punkt" erkannt und am Kreuz die Schalen unserer harten irdischen Existenz zerschlagen. Wir alle sind auf dem Weg dahin. Das ist der springende Punkt!

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Osterfest.

Ihr Pfr. Steffen Springer