Kirche - ein bunter Garten Gottes

"Die Kirche ist mit einem Garten vergleichbar, geschmückt mit der Lieblichkeit unzähliger Blumen, die sich alle in Größe, Farbe, Duft und Schönheit vonei- nander unterscheiden; doch hat jede ihre Kostbarkeit, ihre Anmut, ihre Farben- pracht und alle zusammen bilden durch die Vereinigung ihrer Mannigfaltigkeit die Vollendung einer höchst ansprechenden Schönheit".

Diese Worte stammen vom Genfer Fürstbischof, Ordensgründer und Mystiker Franz von Sales (1567-1622). In seiner Abhandlung über die Gottesliebe mit dem Titel "Theotimus" vergleicht er die Kirche mit einem bunten Garten. Da sich meine Frau und ich erst kürzlich einen eigenen Garten in einer Anlage zugelegt haben, saß ich bereits einige Male dort und dachte über diese Worte nach. Die Kirche als Garten! Ich sehe verschiedene Blumen wachsen. Alle in unter- schiedlichen Farben, jede Blume ist von individueller Schönheit und Anmut, wie jedes einzelne Gemeindemitglied in der Kirche. Manche haben eben erst mit ihrem Stengel die Erde durchbrochen, andere treiben erste Knospen, wieder an- dere stehen in voller Pracht ihrer Blüte, einige verlieren bereits ihre ersten Blät- ter. Im Garten entdecke ich auch unscheinbarere Gewächse, die nicht minder schön sind: Büsche, Sträucher, Bäume, ja auch Unkraut.

Die Lebendigkeit eines solches Garten entsteht durch die Vielfalt. Kirche ist kei- ne Monokultur. Es ist kein agrarischer Zuchtbetrieb, in dem es lediglich um Op- timierung der Ernte geht. Doch ein solcher Garten bedarf der Pflege. Man sieht ihm an, ob mit Liebe gegärtnert wird. Unkontrollierter Wildwuchs kann nur bis zu einem begrenzten Maß zugelassen werden. Doch es muss auch nicht alles mit der "Nagelschere" geschnitten sein. Am klügsten angelegt ist ein Garten nach dem Prinzip der Mischkultur, wenn die einzelnen Pflanzen sich nicht in ih- rem gemeinsamen Wachstum behindern, sondern sich sogar gegenseitig stär- ken, um zu voller Schönheit zu gelangen.

Doch bei aller Pflege weiß jeder Gärtner und jede Gärtnerin nur zu gut, dass es letztlich auf das Wetter ankommt. Dies hat auch Paulus erkannt, wenn er schreibt, dass ein jeder noch soviel pflanzen oder gießen kann: Allein "Gott hat das Gedeihen" gegeben (1. Kor. 3, 6).

Ich wünsche Ihnen für die kommende Sommer- und beginnende Herbstzeit eine gute Erholung. Und wenn Sie mal wieder in einem Garten sitzen, dann ver- gleichen Sie ihn doch mal mit unserer Gemeinde. Vielleicht fällt Ihnen in unserer Gemeinde etwas ins Auge, wo Sie selbst die Lust zu gärtnern verspüren.

Ihr
Pfarrer Dr. Roland M. Lehmann